Hong Kong

Hong Kong

Vor einigen Wochen hatte ich wunderbaren Besuch aus Berlin, gemeinsam haben wir ein langes Wochenende in Hong Kong verbracht, nur eine kurze Flugstrecke von Taipeh entfernt. Höher, schneller, bunter und kräftiger als Taipeh hat sich mir Hong Kong präsentiert, im Angenehmen wie im Anstrengenden. Die Häuser sind höher und schicker, die Straßen voller und dreckiger. Rolltreppen fahren mit höherer Geschwindigkeit, Fußgänger laufen schneller und drängeln mehr, viele haben es offenbar sehr eilig. Ich erinnere mich nicht, wann ich in Taipeh das letzte Mal jemanden über eine Straße habe rennen sehen. Hong Kongs Meer ist türkiser, die Berge grüner, die Strände weißer, die Warteschlangen an touristischen Atttraktionen deutlich länger. Die Stadt ist internationaler und wilder als Taipeh, der Wein besser, das Essen kräftiger, salziger und ein ganzes Stück teurer. Es ist, als müsse auf engstem Raum alles verdichtet werden: Menschen, Farben, Gerüche, Geschmacksnoten, Zeitspannen.

 

Trotz unseres kurzen Aufenthalts durften wir Hong Kong von sehr verschiedenen Seiten kennenlernen. In einem schicken Hotel waren wir zum Sake-Tasting-Event mit edelstem Fingerfood geladen (danke, Ada!), in einer abgerockten „geheimen“ Bar (einfach beim Friseur klingeln) lauschten wir spätabends von weither angereisten Musikern, in einem Dorf außerhalb der Stadt konnten wir bei einem traditionellen Fest zuschauen, wie der König der Geister verbrannt wurde. Einen Abend aßen wir kräftig gewürzte Meeresfrüchte in einer engen Gasse in einem der letzten noch verbliebenen, einfachen Straßenlokalen der Stadt, ein anderes Mal gab es Nachos und sehr guten Rotwein in einer hippen Kneipe, ein weiteres Mal suchten wir uns unser Abendessen auf dem Fischmarkt der Insel Cheung Chau selbst aus und ließen uns daraus nebenan ein Abendessen zubereiten, das durchaus als Festmahl getaugt hätte. Vom Victoria Peak aus blickten wir nachts auf das neonfarbene Lichtermeer der Stadt hinab, auf Cheung Chau spazierten wir am Sandstrand entlang und bewunderten am Hafen von einem leeren Dach aus den Sonnenuntergang. Auf Lantau reckten wir unsere Hälse gemeinsam mit Tausenden anderer Touristen dem riesigen Buddha entgegen, der von seinem Hügel aus über die Insel wacht; in der Stadt wandelte ich durch das auf einen Pier gebaute Maritime Museum und durch das riesige, modern aufgemachte Geschichtsmuseum. Am Sonntag wanderten wir zum Ausgleich den Großteil des Tages durch grüne Berge und Wälder: wir folgten dem Yuen Tsuen Ancient Trail, der einst entlegene Dörfer verband, und blickten nur gelegentlich aus der Ferne auf die plötzlich ganz klein erscheinende Stadt.

 

 

 

Zu dem taoistischen Fest, das wir Sonntagabend besuchten, möchte ich, weil es eine seltene Angelegenheit ist, ein paar Eindrücke teilen – ansonsten werde ich die Bilder sprechen lassen. In den meisten Dörfern findet nur alle paar Jahre eine solche Taiping Qingjiao (太平清醮) Zeremonie statt. Dabei werden taoistische Priester eingeladen, ein Dorf spirituell zu reinigen und zu segnen. Mehrere Tage können die Rituale dauern – und die dazugehörigen ausufernden Feierlichkeiten. Der richtige Zeitpunkt für das Ritual wird von den Priestern bestimmt. Als wir in Hong Kong waren, fand gerade im Dorf Tuen Tsz Wai (屯子圍) ein solches Fest statt. Das letzte dort liege schon ca. 10 Jahre zurück, sagte man uns. Umso mehr freuten wir uns, dabei sein zu können:

 

Hell brennen ungezählte Lichterketten über unseren Köpfen und, zu bunten Mustern angeordnet, an den Wänden des überdimensionierten, von einem einfachen Bambusgestell getragenen Festzelts. Lange Schnüre bunter Wimpel und brennende Riesenräucherstäbchen steigern die festliche Stimmung. Im Inneren des Zelts sind, auf viele runde Tischen verteilt, die Überreste eines üppigen Festmahls zu sehen. Große Götterstatuen in Knallfarben wetteifern mit kurzberockten Sängerinnen, die dank Mikrofon kantonesische Volksmusik in allen Winkeln des Zelts erschallen lassen, um die Aufmerksamkeit der Feiernden. Wer nach dem Festmahl noch Hunger verspüren sollte, findet draussen an mehreren Essensständen kräftig gewürzte, an Spießen gegrillte Pilze und grüne Bohnen, panierte und frittierte Auberginen und Tofuhappen oder kalte Nudeln mit Gurken und Sesamdressing. Fleisch gibt es an den Tagen dieses Festes nicht, der spirituellen Reinigung zuliebe darf kein Tier getötet werden – von Fasten kann dabei zum Glück nicht die Rede sein. Am Rande des Geländes, zunächst kaum beachtet, wacht der König der Geister höchstpersönlich über die Feierlichkeiten und hält die anderen Geister in Schach, die von den Opfergaben der Dorfbewohner angelockt werden. Mehrere Meter ist er hoch und wirkt einschüchternd, obwohl er vollständig aus buntem Papier hergestellt ist. Nach mehreren Stunden für Aussenstehende kaum zu durchschauenden Ritualen, wird er am Ende des Festes in hellen Flammen aufgehen und damit wieder in die Welt der Geister zurückkehren. Die Flammen verschlingen ihn in Sekundenschnelle, sein Ende wird von unzähligen Handykameras festgehalten. Am Tag nach dem Fest müssen auch wir uns verabschieden und Hong Kong wieder verlassen – ich aber fliege mit dem sicheren Gefühl, dass es nicht mein letzter Besuch dort war.

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