Wellen

Nach einer verregneten Woche, in der zu allem Überfluss auch noch meine geliebte Kamera den Geist aufgegeben hat, erinnere ich mich heute gerne an vergangene Wochenenden zurück, die uns Traumwetter schenkten mit knapp 30 Grad und tiefblauem Himmel. Angesichts der Schneefotos, die mich zur selben Zeit aus Deutschland und anderswoher erreichten, wagte ich kaum, davon zu schreiben. Nun aber, wo auch in Taipeh der Winter angekommen ist, können wir hier wie dort gemeinsam voller Sehnsucht meine Sonnenbilder betrachten. Wenn man wie ich auf einer kleinen Insel lebt, ist die Frage „Meer oder Berge?“ leicht zu beantworten: Meine Samstage verbrachte ich am Meer, die Sonntage in den Bergen.

Vor einigen Wochen besuchte ich den Hafenort Tamsui, an der Mündung des gleichnamigen Flusses im Norden Taipehs gelegen. Dort finden sich deutliche Spuren von Taiwans wechselvoller Geschichte. Handelstechnisch und militärisch sind sowohl Tamsui als auch Taiwan selbst strategisch gelegen und weckten daher immer wieder Begehrlichkeiten in allen Ecken der Welt. So kann man heute in dem ursprünglich von den indigenen Ketagalan besiedelten Ort das Fort San Domingo / Antonio bewundern, auch die „Festung der Rothaarigen“ genannt. Dieses wurde im 17. Jahrhundert von den Holländern gebaut, an der Stelle eines von den Spaniern gebauten, aber zerstörten Forts. Nach den Holländern übernahmen die chinesische Qing-Dynastie das Fort, später machten es die Briten zu einem Handelsstützpunkt und Konsulat, wovon heute auch das ehemalige Wohnhaus des britischen Konsuls zeugt, ein elegant eingerichteter roter Backsteinbau mit Säulengalerie. Als die Franzosen im 19. Jahrhundert versuchten, Tamsui zu übernehmen, wurde das Fort beschossen, hielt aber stand. In der Nähe findet sich der friedliche Campus der Aletheia Universität, welche 1882 von dem im damaligen Taiwan sehr einflussreichen kanadischen Arzt und Missionar George Leslie Mackay als Oxford College gegründet wurde. In der Umgebung spaziert man vorbei an Häusern im Fujian-Stil, von Einwanderern aus Südchina gebaut, und solchen aus der japanischen Kolonialzeit.

Der schottische Botaniker Robert Fortune schrieb nach einem Kurzbesuch in Taiwan im Jahr 1854: „I went on to the town, or rather large village, which seems to be the seaport of Tam-shuy. Here I found the authorities receiving those mandarins who had been our fellow-passengers, and giving each a salute of three guns on landing. Some tradesmen were busily employed in fitting up a theatre in which a play was to be performed in the afternoon, also in honour of the new arrivals, and to which we were invited. The houses in the town were generally poor and mean-looking, and there seemed nothing in the shops except the simplest articles of food, such as fish, pork, sweet potatoes and various other vegetables in daily use among the population.“ Die mobilen Theaterbühnen findet auch der heutige Besucher noch: bei meinem Besuch unterhielten ein Marionettenspieler, ein Aktionsmaler, sowie mehrere Sänger und Musiker die Spaziergänger. Ansonsten ist Danshui heute kaum wieder zu erkennen. Halb Taipeh fährt hierhin, um den Sonnenuntergang über dem Tamsui-Fluss zu bewundern und abends kommt Rummelstimmung auf. Vor schicken Kolonialbauten und schmucklosen Betonfassaden, alle nach Fortunes Zeit gebaut, reiht sich ein Essensstand an den nächsten. Mit Fleisch gefüllte Fischbälle in Suppe, stundenlang in Gewürzen gekochte und getrocknete „Eiseneier“,  fritierte Pilze, gebackenes Hühnchen, ganze Tintenfische, Krabbenrollen, Reis mit geschmortem Schweinehack, mit Glasnudeln gefüllter Tofu, grobe Würstchen, knusprige Fischhappen, luftiger Käsebiskuit, süßer Tarokuchen, Waffeln mit roten Bohnen, Riesensofteis… heute muss in Tamsui keiner mehr hungern.

An einem anderen Samstag fuhr ich mit einer Freundin zum Yehliu Geopark, auf einer kleinen fast-aber-nicht-ganz Insel im Norden Taiwans. Die Natur hat dort eigenartige Steingebilde geschaffen, in denen Menschen allerlei Bildhaftes zu entdecken glauben. So konnten wir den Kopf der Königin bestaunen, den Feenschuh oder die Meereskerzen. Vor 16 Jahren war ich das letzte Mal dort; damals konnte ich noch sinnierend zwischen den steinernen Skulpturen wandeln, mich in ihrem Schatten ausruhen und dem Meeresrauschen lauschen. In der Zwischenzeit ist der Park zu einer großen Touristenattraktion geworden, was nicht nur Menschenmengen, sondern auch leuchtend rote Absperrlinien, mit Trillerpfeifen bewaffnete Aufsichtspersonen und Warteschlangen vor den fotogensten Formationen mit sich bringt. Die besonders beliebten Gebilde, wie der Kopf der Königin, ein Symbol des Parks, wurden gar für selfiefreudige Besucher 1 zu 1 reproduziert, um die Warteschlangen vor den Originalen zu verkürzen.

Mich überwältigte der Wirbel; meine Begleiterin dagegen, die in den letzten Jahren oft im Park gewesen ist, lachte. Sie sagte, so leer sei es dort schon lange nicht mehr gewesen. Seit im Januar die Juraprofessorin Tsai Ing-wen mit großer Merheit aus der Opposition ins Präsidentenamt gewählt wurde, schwinden nicht nur in Yehliu die Besucherzahlen. Nach Jahren der Annäherung zwischen der Volksrepublik China und der Republik China auf Taiwan sorgte diese Wahl für Unstimmigkeiten. Seither kommen, ob Zufall oder nicht, immer weniger Menschen vom Festland nach Taiwan. Letztes Jahr besuchten rund vier Millionen chinesische Touristen die Insel, dieses Jahr gingen die chinesischen Teilnehmer an (offenbar profitablen) Gruppenreisen um 30% zurück. Manch ein Taiwaner freut sich über die Ruhe, andere bangen um ihre Existenz. Besonders betroffen scheinen Busgesellschaften und große Hotels jenseits von Taipeh, die Platz für Gruppen bieten. Am 12. September gingen daher tausende Vertreter der Tourismusindustrie in Taipeh auf die Straße und forderten die Regierung auf, etwas zu unternehmen.

Wir spazierten unterdessen ans Ende der Halbinsel, wo es keine Skulpturen aber dafür jede Menge Treppen und darum auch viel weniger Menschen gab. Der Weg führte über einen kleinen Hügel durch einen angenehm schattigen Wald, der auch ein Vogelschutzgebiet ist. Vögel konnten wir zwar keine beobachten, dafür aber mehrere Schwärme lautloser Menschen mit teuren Kameras und Teleobjektiven, die sich um kleine Teiche oder Grasinseln drängten. Immer wieder öffnete der Wald sich und gab den Blick frei auf türkise Wellen, die sich weit unter uns an großen, sandfarbenenen Felsen brachen. Auf dem Rückweg nach Taipeh ließen wir uns Zeit und rasteten am Qianshui Strand, wo wir den Tag unter freiem Himmel in einem Café direkt am Meer ausklingen ließen. Ich plantschte mit den Füssen im Meer, bewunderte das Farbenspiels der untergehenden Sonne und fragte mich, was die Wellen der Geschichte wohl in Zukunft an diese Strände spülen werden.

qianshui-sonnenuntergang
Qianshui Strand

 

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