Im Kokon

Taiwan ist ein Kokon, der mich schützt. Ich fühle mich gut behütet, warm umsorgt. Das liegt zum einen daran, dass Taiwan eine kleine, überschaubare Insel ist, die in ihren Medien vor allem den Blick nach Innen pflegt und so alles andere, selbst große Weltpolitik, weit entfernt und irrelevant erscheinen lässt. Abgesehen vom Straßenverkehr ist das öffentlichen Leben auf Sicherheit und Rücksichtsnahme ausgerichtet, ich fühle mich in Watte gepackt. Eines der liebsten Wörter der Menschen hier ist weixian, gefährlich – und was nicht alles gefährlich sein kann! Das Meer, das Schwimmbad, Weizenfelder. Als ich Freunden Fotos meiner Heimat zeigte, sonnenbeschienene Felder in Gold und Grün, sagten sie: wie gefährlich! Weil da ja kein anderer sei, der auf einen aufpassen könne. Natürlich lachte ich als Deutsche, die gerne alleine wandern geht und Stille schätzt. Ich habe hier aber auch kennenlernen dürfen, wie schön es sein kann, wenn die Menschen um einen herum auf einen achtgeben.

Dass ich mich hier so gut aufgehoben fühle, liegt allem voran an den wundervollen Menschen, die ich hier kennenlernen durfte, deren schützende Hand ich stets über mir spüre, auch wenn wir uns erst seit kurzem kennen. Mir soll es in Taiwan nicht schlecht gehen, ist ihre einstimmige Botschaft. Auch in Deutschland helfen Freunde, wenn man sie darum bittet, natürlich. Hier aber helfen Menschen, die man vielleicht erst seit zwei Wochen kennt, so selbstverständlich und warmherzig, als wären sie nahe Verwandte – ohne dass man darum bittet. Du erzählst, eine Freundin kommt zu Besuch? Dann brauchst du doch sicher extra Bettwäsche. Hier, ich bring dir meine vorbei. Du sagst, du fährst nach Hongkong? Dann rufe ich meine Freundin an, die zeigt dir die Stadt. Du steigst also gerne auf Berge? Hier, meine Nachbarin bringt dich zu Weihnachten auf den Jadeberg, da wolltest du doch sicher hin? Aber nicht nur Freunde, auch Fremde sprechen mich freundlich an, sobald ich auch nur unentschlossen an einer Ecke stehe – ob ich vielleicht Hilfe brauche? Als ich an den letzten beiden Sonntagen wieder durch die Wälder meines neuen Hausbergs wanderte, fühlte ich mich dort nicht zuletzt dank der Freundlichkeit der anderen Wanderer wie zuhause.

Letzten Sonntag wählte ich einen anstrengenderen Weg in die Höhe, über den ich bereits einmal hinabgeklettert war. Über Felsen, teils mit Hilfe von Seilen, ging es steil hoch zur steinigen Spitze des Jinmian Bergs (金面山) von dem aus man, in der Sonne auf einem der riesigen Felsen liegend, den Blick über die Stadt schweifen lassen kann. Oder aber, wie die Menschen um mich herum, Fotos von Balanceakten hoch über der Stadt machen kann. Die knallende Sonne und die Fotografen ließ ich bald hinter mir und spazierte weiter durch die Stille schattiger Wälder. Dort traf ich nur auf wenige Menschen. Einige, meist ältere, bliesen auf Bänken sitzend Harmonika, picknickten oder spielten Mahjong. Erst Richtung Daluntou Berg, der in Parkplatznähe ist, waren wieder Menschentrauben unterwegs. Es war so schön dort oben, dass ich nicht absteigen wollte. Ich überlegte, oben zu bleiben, und an einem schönen Ort in Straßennähe der Sonne beim Untergehen zuzuschauen – um dann entweder an der Straße entlang zurück in die Stadt zu laufen oder den Bus zu nehmen. Ich lief Richtung Bishan-Tempel (碧山巖開漳聖王廟), wählte aber offenbar nicht den direkten Weg. Als ich auf einem – nicht nur sprichwörtlichen – Holzweg zwei Wanderer nach dem Weg fragte und den Sonnenuntergang erwähnte, meinten sie, dass ich diesen unbedingt vom Tempel aus anschauen müsse, dass ich es aber zu Fuss nicht mehr rechtzeitig schaffen könne. Trotz meiner anfänglichen Proteste nahmen sie mich mit zu ihrem Auto und fuhren mich zu meinem Ziel. Höflich erklärten sie mir, der Tempel liege eh auf ihrem Heimweg; unterwegs hielten sie jedoch an, um Passanten nach dem Weg zu fragen. Am Bishan Tempel angekommen, bedankte ich mich mehrmals und wir verabschiedeten uns. Ich war in der Tat genau rechtzeitig zum Sonnenuntergang dort. Während die Sonne flammend hinter den Bergen verschwand, fäbten sich Schönwetterwolken von weiß zu gelb zu orange, von rosa zu lila zu blau und verschwanden schließlich ganz. Ich weilte dort bis der Himmel tiefdunkel war und nur noch die bunten Lichter der Stadt unter uns die Nacht erhellten. Als ich anschließend an der Bushaltestelle mit mehreren anderen auf den Bus wartete, kam eine Frau auf mich zugerannt. Aus der Ferne hatte mich das Paar vom Holzweg gesehen, die Ehefrau stand nun vor mir und fragte mich außer Atem, ob ich nicht auch mit ihnen runter nach Taipeh fahren wolle.

Den Sonntag davor hatte ich eine entspanntere Route gewählt und war dem Dagou-Bach flussaufwärts gefolgt. Am Anfang des Weges umfloss das Wasser helle, sorgsam angeordnete Steine, schlängelte sich zwischen großen, sonnenbeschienenen Wiesen, die zum Picknick einluden, an Pavillons und Beeten vorbei. Kinder und Erwachsene plantschen im flachen und klaren Wasser. Vor drei Jahren wurde der Bach hier saniert und zum Schutz vor Hochwasser und Erosion umgebaut, seitdem dient der Dagou Park (大溝溪親水公園) als ökologisches Naherholungsgebiet. Am Ende des Parks führte der Bach mich in einen lichten und angenehm kühlen Wald, samtene Schmetterlinge flatterten zwischen Sonnen- und Schattensprenkeln umher. Das Wasser hatte hier mehr Kraft, es tanzte um mit leuchtend grünem Moos bedeckte Felsen. Ich folgte dem Bach bergauf bis zum kleinen Yuanjue Wasserfall (圓覺瀑布), an dem die Strömung fast vollständig zwischen riesigen Felsen verschwindet. Auf dem Hang neben dem Wasserfall verteilten sich Pavillons zwischen Bäumen und Blumen, die von Spaziergängern zum ausgiebigen Picknick oder zum Mittagsschlaf genutzt wurden. Ich verabschiedete mich vom Dagou-Bach und stieg über Treppen zum Yuanjue Tempel hoch. Buddhistische Gesänge, über Lautsprecher den Berghang hinab ausgestrahlt, begrüßten mich schon aus der Ferne. Mit viel Liebe zum Detail bepflanzte Blumentöpfe zierten den Platz vor dem Tempel, vor einer blaugrünen Bergkulisse. Die meisten Wanderer zogen schnell vorbei zum nahegelegenen Bishan Tempel, ein beliebtes Ausflugsziel; ich aber blieb ein Weilchen, blickte ins Tal und genoß den Frieden des Ortes.

Am buntverzierten, taoistischen Bishan Tempel ist immer viel los, dieses Wochenende jedoch besonders viel, da ein Tempelfest stattfand. Der große Innenraum des Tempels war gefüllt mit Tischen, darauf Berge ordentlich gestapelter Opfergaben: Großpackungen Kekse und Chips, Stapel an Papiergeld, Schalen voller Obst, riesige Blumengestecke…. Das Wummern großer Trommeln und der durchdringende Klang traditioneller Blasinstrumente füllten von einer Bühne herab den Raum. Weihrauchdampf schlängelte sich von unzähligen Räucherstäbchen in den Händen der Gläubigen aus in die Höhe. Eine Frau sprach mich an und schickte mich in den schmucklosen Keller des Tempels. Dort waren große runde Tische aufgestellt, aus überdimensionierten Töpfen wurden Tangyuan in süßer oder herzhafter Suppe an alle verteilt, ob Gläubige, hungrige Wanderer oder neugierige Deutsche. Die rosafarbenen und weißen Kugeln aus Klebreismehl bringen Glück, versicherte man mir. Falls das noch nicht genug des Glückes sein sollte, wählte ich zur Sicherheit für den Rückweg den Weg über den glückverheißenden Karpfenberg (鯉魚山). Abends lud mich eine neue Freundin zu einer modernen Balletvorführung ein; getanzt wurde im Freien, vor einem im alten japanischen Stil gebauten Holzhaus. Während ich den bewegenden Gesten der Tänzerinnen und Tänzer folgte, die älteste darunter um die 80 Jahre alt, dachte ich daran, dass es zumindest schon einmal ein großes Glück war, in Taiwan zu sein.

sonnenuntergang-1c

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s