Treppen

Taipeh: dichtgedrängte Menschenmassen zwischen spiegelnden Wolkenkratzern, geschwungene Beton-Highways hoch über vollen Straßen, wilde Schwärme von Motorrollern, ein Wettblinken bunter Neonschilder? An manchen Stellen möglicherweise ja, aber dieses Klischeebild einer asiatischen Millionenmetropole greift in jedem Fall zu kurz. Viele Teile Taipehs sind eher gemütliche Wohngebiete, an allen Ecken finden sich kleine Restaurants und einfache Läden. Verglaste Hochhäuser und Neonbeschilderung finden sich nur in einigen wenigen Ecken der Stadt, riesige Menschenmengen hauptsächlich zur Rushhour in der U-bahn. Nur rasende Motorroller, die gibt es in der Tat auf allen Straßen und in allen Gassen und, leider, auch auf allen Gehwegen. Was Taipeh aber vor allem von einem solchen Metropolen-Bild trennt, das ist die Lage. Die Stadt liegt in einem Talkessel, was zwar kein besonders schönes Stadtklima mit sich bringt, dafür aber das Verlassen der Betonlandschaft sehr einfach macht. Auf allen Seiten ragen grüne Berge in die Höhe, dazu durchziehen drei über weite Strecken grün gerahmte Flüsse die Stadt.

Warum also am Wochenende in die Ferne schweifen, dachte ich mir… und lief letzten Samstag einfach mal von meiner Haustür aus los. Na gut, nicht wirklich einfach so – ich hatte nette und vor allem kundige Begleitung dabei und ein ungefähres Ziel hatten wir auch. Aber den Gedanken, einfach von zu Hause aus los wandern zu können, fand ich toll. Wir spazierten zunächst ein kleines bisschen durchs Wohngebiet, dann etwas den Berg hinauf und schon waren wir an einem der vielen Wanderwege, die die Berge rund um (und sogar mitten in) Taipeh durchziehen. Unser Weg fing mit Treppen an, genauer gesagt mit 1250 Stufen, von freundlichen oder vielleicht auch etwas sadistisch veranlagten Menschen zuverlässig durchnummeriert. Diese führten hoch zum taoistischen Bishan Tempel (碧山巖開漳聖王廟). Dessen Gebäude ist an sich noch nicht sehr alt, aber schon vor über 250 Jahren soll der erste Tempel an dieser Stelle gestanden haben. Kein Wunder, denn der Bishan Tempel thront über der Stadt und bietet eine Sicht auf Taipeh, die die weltliche Welt klein und unbedeutend erscheinen lässt. Auf den Treppen hinauf zum Tempel waren wir alles andere als allein unterwegs – trotz den für diese Jahreszeit uncharakteristischen 34 Grad Celsius waren viele Spaziergänger, Wanderer und sogar Jogger auf den Treppen unterwegs. Oben am Tempel angekommen, füllten wir unsere Wasserflaschen auf, dann ging es weiter. Über eine fotogene Hängebrücke spazierten wir zu… noch mehr Treppen.

Treppen, Treppen, Treppen, Stufen aus Holz und aus Stein, aus dem weichen Waldboden gegraben und aus dem nackten Fels geschlagen. Bergauf, bergauf, bergab, bergauf. Ein Fuss nach dem anderen, während der Schweiss an unserer Kleidung helle Farbtöne in dunkle verwandelt. Die Sonne brennt, die Luftfeuchtigkeit ist saunengleich. Stufe für Stufe nach oben. Links und rechts des Weges liegen kleine Gemüsegärten, tiefgrüne Gräser und riesige Farne, später zum Glück auch schattenspendende Bäume. Die Stufen führen uns durch schattige Laubwälder, über riesige Felsen, durch helle Bambushaine. Am Wegesrand sorgen kleine, farbenfrohe Schreine für sicheres seelisches Geleit. Über verschlungene Pfade steigen wir zum Gipfel des Daluntou Bergs (大崙頭山) auf. Oben belohnt uns eine zweistöckige Aussichtsplattform für unseren Schweiß – mit Treppen, natürlich. Ich lehne mich ans Geländer und blicke hinab auf die Häuser Taipehs, in der Ferne schimmern blau die Berge auf der anderen Seite des Betonmeers. Inzwischen sind Wolken aufgezogen, es ist diesig, die Stadt wirkt dadurch noch weiter entfernt. Wenn nicht die Sehnsucht nach einem eisgekühlten Tee mit frischem Fruchtsaft so groß wäre, bliebe ich am liebsten den ganzen Tag hier oben. Zu meiner Freude behalten wir die spektakuläre Aussicht jedoch beim Weg zurück in die Stadt über weite Strecken bei. Wir steigen über einen langen felsigen Abhang ab, dessen in den Stein geschlagene Stufen durch ein Seilgeländer gesichert sind. Beim Hinabklettern klammern wir uns an das Seil und lassen in den Atempausen unseren Blick über die Stadt schweifen, die uns Schritt für Schritt, Fels für Fels näher kommt.

Falls dem ein oder anderen beim Wandern und Klettern noch nicht genügend Schweiß geflossen sein sollte, warten übrigens oben, sowohl am Bishan-Tempel als auch nahe des Daluntou-Gipfels, neben der Aussicht auch fest installierte Fitness- und Turngeräte, wie sie sich in den meisten Parks und Grünflächen Taipehs finden. Einige besonders Unersättliche springen auch bei 34 Grad auf dem Gipfel Seil oder bringen am Tempel einen Hula Hoop zum kreisen. Zugegebenermaßen erreicht man beide Orte auch mit dem Auto, aber es sind beileibe nicht nur die Autofahrer, die hier Klimmzüge machen oder seilhüpfen. Ich sitze still auf meiner Bank, beobachte, staune, trinke literweise warmes Wasser und träume von Eistee.

aussicht3

Advertisements

2 Gedanken zu “Treppen

  1. Schöne Zusammenstellung der verschiedenen Treppen-Typen auf den Wanderwegen in Taipeh 😉 Ich kann den Nangang Rope Climbing Trail empfehlen, da gibts nur Seile statt Treppen. Der Taiwanreporter hat dazu etwas auf seinem Blog geschrieben.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s