Geister der Berge

Letztes Wochenende war ich in den Bergen zelten, fernab von jeder Stadt. Eine befreundete Familie hatte mich eingeladen, mit ihnen für zwei Tage der Zivilisation zu entfliehen, und so fuhren wir in die Gegend von Bailan 白蘭, die nach einer Magnolienart benannt ist. Wem jetzt wildromantische Bilder von Bergidylle in den Kopf kommen, der war wahrscheinlich noch nicht in Taiwan zelten. Zumindest nicht auf einem Zeltplatz. Da wir mit drei kleinen Kindern unterwegs waren, schlugen wir unser Lager jedoch auf einem solchen auf. Zelten liegt in Taiwan zurzeit absolut im Trend und so sprießen allerorts Zeltplätze aus den Berghängen. Der unsrige gehörte Verwandten meiner Freunde und war nicht groß, vielleicht 20 Zeltplätze, die sich locker über den Hang verteilten. Dazu eine spektakuläre Aussicht ins grüne Tal hinab. Es sah also in der Tat zunächst nach Idylle aus. Samstagmorgen reisten wir an, lange vor allen anderen Zeltfreunden, die erst am späten Nachmittag nach und nach eintrudelten. Nachdem wir unsere Zelte aufgebaut hatten, hatten wir also noch lange Zeit, die Stille der Berge zu genießen, beziehungsweise dem lieblichen Gesang der Zikaden zu lauschen, den man auch ehrlicher als Kreischen beschreiben könnte.

Nachmittags streiften wir durchs Grüne, um Kürbisse, Pomelos und Kakis zu ernten. Zwischen den Bäumen, Büschen und tropischen Blüten um den Zeltplatz herum versteckten sich Obstbäume und Gemüsebeete der Familie. Beim Spazieren entlang der sonnenbeschienenen Berghänge schrumpfte ich Schritt für Schritt: ich traf auf Regenwürmer, doppelt so lang wie mein Fuß, Wespen dicker und länger als mein Daumen und Spinnen weit größer als meine Hand. Den ganzen Tag über hatten wir spektakulär gutes Wetter: Prätaifun-Wetter. Taifun Megi, der dritte starke Taifun in Taiwan innerhalb von zwei Wochen, hatte sich für Montagabend angekündigt und alle Regenwolken vorab vereinahmt.

Später erholten wir uns im Schatten bei einem kalten, „echt deutschen“ Malzbier und beobachteten das Wettrüsten auf den Hängen um uns herum. Durchschnittlich zwei Stunden dauerte der Aufbau der Zeltlager. Ein großes Pavillonzelt, größer als die meisten WG-Zimmer deutscher Großstädte, bildete zumeist die Basis. Dazu daran angeschlossene Schlafkammern oder kleinere Zelte, Kochplatten, Grills, Luftmatrazen, Tische, Stühle und sogar Sofas. Und natürlich Unterhaltung, was soll man schließlich sonst an einem ganzen langen Abend auf dem Berg machen. Die einen brachten einen Mahjongtisch mit, die anderen eine Karaokemaschine, viele auch einen Fernseher. Meine persönlichen Favoriten und heimlichen Gewinner des Abends brachten gar eine kleine Leinwand samt Beamer zum Filmeschauen mit. Und damit auch wirklich niemand nachts auf dem von großen Strahlern taghell erleuchteten Zeltplatz über irgendwelche Zeltschnüre stolperte, wurden diese zur Sicherheit mit rot, blau und grün blinkenden Lichtern versehen. „Nachtmarkt“ nannten die Zeltplatzbesitzer das Spektakel schmunzelnd. Der Geruch von gegrilltem Fleisch und von frischem Popcorn breitete sich langsam über den Berghang aus.

Abends solle es etwas ganz besonderes geben: im Bambusrohr über dem offenen Feuer gegarten Reis. „So hat schon mein Großvater Reis zubereitet.“ erzählt unser Gastgeber voller Nostalgie. Seine Familie gehört zu den Atayal, einer der ca. 16 indigenen Gruppen Taiwans. Wir nicken begeistert, romantische Bilder vor Augen. „Hat er dir beigebracht, wie das geht?“ fragt eine Zuhörerin ehrfürchtig. Der Koch windet sich kurz, dann antwortet er doch. „Hmm, neeee, ich habe gestern ein paar Youtube-Videos angeschaut.“ Ich muss an eine Szene aus dem – übrigens sehr sehenswerten – Dokumentarfilm „Auf Augenhöhe?“ denken. Über viele Jahre hinweg beobachtet und filmt ein Ethnologenpaar das Leben in einem entlegenen Dorf im Vanuatu-Archipel. Ganz am Anfang ihrer Tätigkeit filmen sie Kinder beim Singen und bei Klatschspielen. „Wir sehen Jahrtausende alte, ursprüngliche Traditionen!“ schwärmt die Ethnologenstimme aus dem Off. Erst Jahre später lernen beide, dass es japanische Kinderspiele und Lieder sind, die sie gefilmt haben. Ein Kamerateam aus Japan war einige Jahre zuvor vor Ort gewesen, um ebenfalls die „ursprüngliche“ Kultur der Menschen vor Ort zu filmen.

Zurück nach Taiwan (woher im Übrigen einige der ersten Einwohner Vanuatus stammen sollen): Unsere Gastgeber erzählen aus ihrer Kindheit. Sie schwanken dabei zwischen Nostalgie gegenüber einer freien Kindheit in den Bergen und getrübten Erinnerungen an die damalige politische und ökonomische Realität. In der Zeit der Militärdiktatur war es Ihnen in der Schule unter Strafe verboten, ihre Muttersprache zu sprechen. Deshalb verstehen sie diese heute zwar noch, können sie aber nicht sprechen. Auch einige Gäste stimmen nun mit Erinnerungen ein. Das Sprachverbot galt nicht nur für die austronesischen Sprachen der Ureinwohner, sondern auch für alle auf der Insel gesprochenen chinesischen Sprachen und Dialekte, die nicht Hochchinesisch waren. Also auch für Taiwanisch, bis heute Muttersprache von weit mehr als der Hälfte der Bewohner der Insel. Ganz schwer hatte es jedoch die Generation seiner Großeltern, erzählt unser Gastgeber weiter, und wieder nicken seine Gäste. Unter japanischer Kolonialherrschaft, 1895 bis 1945, wurde ihre Muttersprache ebenfalls unterdrückt. Sie mussten stattdessen Japanisch lernen. Nach dem Machtwechsel sollten sie dann plötzlich Chinesisch sprechen, eine Sprache die sie nie gelernt hatten. Viele Ältere schafften das nicht.

 

Abends sitzen wir, Popcorn essend, ums Feuer. Eine Freundin, Reiseleiterin, erzählt von ihrer jüngsten Reise. Mit einer Gruppe älterer Taiwaner ging es nach Russland. Es sei ein bisschen schwierig gewesen, da der Reiseplan Kirche nach Kirche vorgesehen habe, sich die Hälfte der Reisegruppe jedoch nach der ersten Kirche geweigert habe, eine weitere zu betreten. Nicht, dass sie nicht interessiert gewesen seien, nur hätten sie in der ersten Kirche den Schock ihres Lebens erlebt. Nichts ahnend seien sie durch die Kirche spaziert, hätten den Erklärungen der russischen Führerin gelauscht und Fotos gemacht und dann… dann sei da plötzlich ein Sarg gestanden. Mitten in der Kirche. Die Hälfte der Gruppe sei sofort aus der Kirche heraus gelaufen. Und als sie von der Reiseleiterin erfuhren, dass der Sarg in der Tat nicht leer war und dass auch in anderen Kirchen durchaus Ähnliches geschehen könne, da betraten sie keine Kirche mehr. Eine Zuhörerin stimmt ein. „Meine Mutter hätte da auch Panik bekommen. So nah an einem Toten dran! Ich musste früher jedesmal, wenn ich ein Krankenhaus betreten hatte, sofort duschen und alle Kleidung in die Waschmaschine tun.“ Eine weitere Frau meldet sich zu Wort: „Das ist noch gar nichts. Neulich habe ich das Auto meiner Eltern geliehen und bin kurz durch Anping gefahren. Als ich zurückkam, hat meine Mutter sofort begonnen, das Auto zu waschen. ‚Hast du das nicht gestern erst gemacht?‘ fragte ich sie erstaunt. Hatte sie, aber ich war in Anping am Friedhof vorbeigefahren.“ Ich höre zu und beginne, die Anstrengungen der Zeltenden, Dunkelheit und Stille mit allen Mitteln zu vertreiben, in neuem Licht zu betrachten.

Schon Sonntag früh reisen die meisten anderen Gäste wieder ab, die Hänge leeren sich, und gegen Mittag haben wir den Berg wieder fast für uns. Wir genießen noch ein wenig die Sonne und die Ruhe vor dem nicht sprichwörtlichen Sturm bevor wir ebenfalls unsere Zelte abbrechen und ins Auto Richtung Stadt steigen. Ab Montagabend fegt dann wie angekündigt Taifun Megi über die Insel, hinterlässt Verwüstungen, Verletzte und tragischerweise vier Tote. Viele Haushalte sind, wieder, ohne Strom und Wasser, Flüge und Züge werden gestrichen. Für den Großteil der Insel gibt es nicht nur einen, sondern gleich zwei Tage Taifunfrei, was sicher Schlimmeres verhindert. Ich habe derweil das Glück(?), dass ich von überall aus arbeiten kann. Nur habe ich vor lauter Zelten und Arbeiten den Taifuneinkauf vergessen, so dass ich mich am Dienstagnachmittag doch kurz auf die Straße wage. Taifunfrei gilt offenbar nicht für Angestellte von Lebensmittelgeschäften, und so schlage ich mich mit Schirm und bodenlangem Poncho zum nahegelegenen Supermarkt. Der Schirm stellt sich schnell als vollständig nutzlos heraus, und auch der Poncho ist mehr Angriffsfläche für den Wind als Regenschutz. Einige Böen sind so stark, dass sie mich auf meinen regentauglichen Flipflops einige Schritte zurück schieben, den gefliesten Bürgersteig entlang. Durchweicht und dankbar komme ich schließlich heil mit meiner Einkaufausbeute zurück nach Hause, dusche heiß solange noch Wasser da ist, koche eine Suppe aus selbstgeerntetem Bailan-Kürbis und träume mich zurück auf den Berg.

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2 Gedanken zu “Geister der Berge

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