Mondwinde

Risse durchzogen die durstige Erde, einst mächtige Flüsse waren zu dünnen Rinnsalen verdampft. Die Felder trugen keine Ernte mehr, die Bäume keine Früchte. Menschen und Tiere starben qualvoll, aus Mangel an Wasser und Nahrung und an der Hitze, die die ganze Welt in eine Feuerhölle verwandelt hatte. Unerbittlich brannten die zehn Sonnen auf die Erde herab, jede versuchte die andere noch an Kraft zu übertreffen. Da aber kam Hou-yi, ein weit gerühmter Bogenschütze. Er schulterte seinen stärksten Bogen, stieg auf den höchsten Gipfel des Gebirges und schoss von dort neun Pfeile gen Himmel. Neun Sonnen fielen aus dem Himmel herab und die Erde ward gerettet. Als Dank hierfür erhielt Hou-yi einen Unsterblichkeitstrank. Jedoch wollte er seine geliebte Ehefrau, die schöne und weise Chang-e, nicht auf der Erde zurücklassen. Daher trank er das Fläschen nicht aus, sondern verwahrte es sicher in seinem Haus. Einige Jahre später jedoch fand Chang-e das kleine Fläschen und leerte es in einem Zug. Ob aus unstillbarer Sehnsucht nach den Weiten des Himmels, oder um den Trank vor einem Bösewicht zu schützen, der es stehlen wollte, oder aber um die Welt vor ihrem inzwischen zum Tyrannen verkommenen Ehemann zu schützen, da sind sich die Erzähler nicht ganz einig. In jedem Fall wurde Chang-e daraufhin federleicht und schwebte dem Himmel entgegen. Auf halber Strecke machte sie jedoch Halt: Sie wählte den Mond als ihre neue Heimat, um nicht allzu weit von Hou-yi entfernt zu sein. Bis heute lebt sie einsam dort oben, für alle Ewigkeit von ihrem Geliebten getrennt, als einzige Gesellschaft bleibt ihr der Mondhase. In besonders klaren Vollmondnächten kann man Chang-e sehen, wie sie vom Mond aus auf die Erde herabschaut. Seitdem wird Chang-e als Mondgöttin verehrt und jedes Jahr am 15. Tag des 8. Monats des traditionellen chinesischen Kalenders wird das Mondfest gefeiert. Die Früchte und Kuchen, die Chang-e einst so gerne aß, werden als Opfergabe aufgestellt und an Freunde und Bekannte verschenkt.

Unzählige Versionen dieser Geschichte zum Ursprung des Mondfests werden nicht nur in Taiwan erzählt. Je nach Erzähler bleibt Hou-yi ein Held oder wird zum Tyrannen. Mal ist Chang-e ein einfältiges Weib, mal ist sie eine weise Weltenretterin. Häufig sind beide am Anfang der Geschichte Unsterbliche, die aber aus dem Himmel verbannt werden, weil die neun Sonnen ungezogene Söhne des Jadekaisers waren. Besonders romantisch veranlagte Erzähler fügen am Ende der Geschichte gerne noch einen Hoffnungsschimmer ein: einmal im Jahr, am Mondfest, könne Chang-e über die Milchstraße für eine einzige Nacht zu Hou-yi gelangen.

Welche Version man sich auch erzählt, in jedem Fall werden zum Mondfest große Mengen an Obst, vor allem mondförmige Pomelos, und süß-salzige Mondkuchen verschenkt. In deren Inneren findet sich häufig ein gesalzenes Eigelb, das ebenfalls den Mond symbolisieren soll. Begibt man sich heute in Taiwan zum Mondfest auf die Straße, um nach Chang-e Ausschau zu halten, wehen einem allerdings vor allem Grillgerüche entgegen. In allen Strassen und Gassen der Städte und Dörfer werden Klapptische und Grills aufgestellt und alles, was das Meer und das Land an Grillbarem hergeben, kommt auf das Feuer. Das Fest, auch Mittherbstfest genannt, ist ein traditionelles Erntedankfest, das in weiten Teilen Ostasiens im Kreis der Familie gefeiert wird. In Taiwan ist es das zweitwichtigste Familienfest nach dem chinesischen Neujahrsfest und so setzt sich halb Taiwan in Bewegung, um mit der Familie gemeinsam feiern – bzw. grillen – zu können. Dieses Jahr fiel das Fest auf einen Donnerstag, und so arbeiteten weite Teile der Bevölkerung in der Woche davor am Samstag um nicht nur den Donnerstag, sondern auch den Freitag als Brückentag frei zu haben – auch öffentliche Einrichtungen, Schulen und Universitäten.

In diesem Jahr allerdings kamen ungebetene Gäste zum Fest. Meranti und Malakas kündigten sich an und trübten die Feierlichkeiten. Meranti, sogenannter Super-Taifun und bisher stärkster Tropensturm des Jahres, reiste am Mittwoch an, Malakas, normaler Taifun, am Samstag. Beide schenkten statt Mondkuchen Regenmassen und starke Winde. Meranti traf vor allem den Süden des Landes, hinterließ mindestens einen toten Menschen und dutzende Verletzte. Bald eine Million Haushalte waren ohne Strom und hunderttausende ohne Wasser, öffentliche Verkehrsmittel setzten über Stunden aus. Auf dem Festland, im Süden Chinas, hinterließ Meranti anschließend noch größere Zerstörung und mehrere Tote. Der zweite Taifun, Malakas, traf eher den Norden der Insel, zum Glück zog das Auge des Sturms jedoch rund 130km von Taipeh entfernt im Meer an der Insel vorbei, so dass zumindest größere Schäden ausblieben. Und so saß ich während des Mondfests im Familienwohnzimmer und schaute mit der ganzen Familie, wie auf allen Kanälen Taifun in Dauerschleife lief. Immer wieder wurden dieselben wackeligen Handyaufnahmen wiederholt, die zeigten wie ein armer Motorrollerfahrer von seinem Roller gepustet wird (und danach zum Glück aufsteht und davon läuft), wie der U-Bahnhof Xindian in Taipei von Wind und Wasser gepeitscht wird (und wie die Reisenden dies alle mit ihren Handys filmen) oder aber wie die Container eines Frachthafens einfach umpurzeln, bunten Bauklötzen gleich. Wenigstens war Meranti schon am Mittwoch über die Insel gezogen, so dass die größte Sorge nicht nur der Schüler Taiwans nicht eingetreten war: dass Taifunfrei auf einen Feiertag fallen könnten.

 

Ich selbst habe zum Mondfest einen – unfreiwilligen – Taifuntourismus betrieben. Vor inzwischen sehr vielen Jahren habe ich ein wunderbares Jahr in einer Gastfamilie in Tainan, im Süden Taiwans verbracht. Unsere gute Beziehung hat sich über die Jahre hinweg erhalten und so lud mich die Familie ein, gemeinsam mit allen Onkeln und Tanten, Cousins und Cousinen, und natürlich den Großeltern am Mondfest zu grillen. Die Einladung nahm ich mit großer Freude an. Da ich für Donnerstag, den eigentlichen Tag des Mondfests, keine Fahrkarten mehr bekommen hatte, fuhr ich schon am Mittwoch gen Süden, Richtung Meranti. Für die Rückfahrt hatte ich nur noch Tickets für Samstagmorgen nach Taipeh bekommen, also Richtung Malakas. Von Malakas habe ich wenig mitbekommen, außer dass ich die Sonne Tainans gegen den Starkregen Taipehs getauscht hatte und dass die Veranstaltung, zu der ich abends unbedingt gehen wollte, abgesagt wurde. Auf dem Weg nach Süden tauschte ich jedoch nicht nur die Sonne Taipehs gegen den Sturmwind Tainans, sondern brauchte für die eigentlich sehr gut ausgebaute Strecke von ca. 300 km gut 12 Stunden. Immer wieder fiel der Strom aus oder ein Streckenabschnitt wurde aus Sicherheitsgründen vorübergehend gesperrt. Ich wechselte vom Zug in den Bus und vom Bus in den Hochgeschwindigkeitszug und stand dazwischen vor allem in Menschenmengen und Warteschlangen, da ich nicht die einzige war, die zum Feiertag unbedingt zu ihrer Familie reisen wollte. Aber, Chang-e sei dank, auch wenn es gedauert hat, sind wir alle wohlbehalten im Süden angekommen, was unter solchen Wetterbedingungen wohl das entscheidende ist. Und, anders als ich es aus Berlin gewohnt bin, blieben die Wartenden über Stunden hinweg freundlich und geduldig – an Sturmböen kann man ja nun auch wirklich nichts ändern. Als ich dann nach 12 Stunden endlich am Hochgeschwindigkeitsbahnhof in Tainan ankam, der etwas ausserhalb der Stadt liegt, schlug draussen eimerweise Wasser gegen die Fenster, der Wind heulte. Der Shuttlebus-Service war aus Sicherheitsgründen bereits eingestellt worden und die Schlange für die Taxis schlängelte sich in mehreren Windungen durch die Wartehalle. Da zeigte sich wieder die Großzügigkeit, die mir in Taiwan schon so oft begegnet ist: Irgendwann auf halber Strecke hatte ich ein älteres Mutter-Tochter Paar kennengelernt, die mich sogleich mit in das Auto ihrer Verwandten packten und sicher in die Stadt brachten.

Und schon Donnerstagnachmittag strahlte der Himmel über Tainan wieder, als könne er sich Regen nicht einmal vorstellen. Ich spazierte an den Kanälen Anpings entlang und besuchte das prächtige Chimei Museum im Süden Tainans, bewunderte dessen wilde Mischung an alten Violinen, Waffen unterschiedlichster Kulturen, westlichen Skulpturen und Gemälden und schiefen Naturkundepräparaten. Und so wird dieser Blogbeitrag über Mondnächte und Sturmtage von Bildern sonnenstrahlender Landschaften begleitet.

Ich hoffe, ihr hattet alle ein entspanntes, ebenfalls sonniges Mondfest!

pomelo2

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4 Gedanken zu “Mondwinde

  1. Toll wenn man in der Ferne so gewachsene Kontakte hat, auch wenn das Feste feiern etwas getrübt war, aber so einen Anlaufpunkt zu haben und das nach so vielen Jahren ist einfach schön! Hast mich heute morgen nach Taiwan entführt, freu mich auf mehr Berichte und gerne mit viel mehr Fotos! 😉

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