Büroleben

So langsam komme ich in Taiwan an. Ich habe ein Zimmer gefunden und bezogen und sogar schon, ultimatives Symbol des sich Niederlassens, Geschirr gekauft. Mein neues Lieblingsschwimmbad steht fest und ich beginne, Alltagsroutinen zu finden. Ich lerne meine neuen taiwanischen MitbewohnerInnen besser kennen, treffe mich mit alten und neuen Freunden und genieße das kulturelle Angebot Taipehs – vom Saxofonkonzert bis zum dokumentarischen Theater. Und natürlich, schließlich bin ich nicht als Touristin hier, fahre ich jeden Tag ins Büro, zunächst per Fahrrad, U-Bahn und Bus und dann noch ein ganzes Stückchen zu Fuß. Meine erste Woche am Institut habe ich schon hinter mir und ich gewöhne mich, nach einem etwas holprigen Start, zunehmend ein.

An meinem ersten Arbeitstag sprechen genau zwei Menschen mit mir, ansonsten umgibt mich fast schon gespenstische Stille. Als erste spricht mich die Putzfrau an, sie schimpft, weil ich den Müll falsch getrennt habe. Später kommt eine freundliche Frau aus der Verwaltung vorbei, die allerdings nur Geld von mir einsammeln möchte. Sie erklärt, es gebe für alle KollegInnen im September eine Feier zum Mondfest und im Dezember, zum Jahresende, ein weiteres Fest. Teilnehmen dürften allerdings nur Mitglieder des Veranstaltungsclubs des Instituts, also diejenigen, die die Jahresgebühr gezahlt haben. Das sei vollkommen freiwillig, natürlich, zumindest in diesem Jahr. Ab dem nächsten Jahr sei die Teilnahme für mich dann Pflicht. Ich werde also freiwillig Mitglied, rede ein wenig mit ihr und bin fast schon enttäuscht, als sie den Raum verlässt, so still ist es danach wieder. Es ist nicht so, dass an diesem Tag keine anderen Menschen anwesend sind. Aber mit mir sprechen mag zunächst keiner. Mein Büro teile ich mir mit fünf Kollegen, sechs identische Abteile füllen den Raum. Als ich an diesem ersten Morgen den Raum mit einem fröhlichen (chinesischen) „Guten Morgen“ betrete, schnellen einige Köpfe hinter orangenfarbenen Trennwänden hervor und verschwinden sofort wieder. Diejenigen, die nach mir ankommen, blicken kurz erschrocken in meine Richtung und verschwinden dann ebenfalls schnell und lautlos hinter ihren Schutzwänden.

In den nächsten Tagen kommen wir uns, ganz behutsam, näher. Ein Kollege steht plötzlich vor mir und streckt mir einen Ananaskuchen entgegen, eine taiwanische Spezialität. „Hier, für dich!“ Es ist ein Geschenk zum Mondfest in der folgenden Woche, ein wichtiges Fest im traditionellen chinesischen Kalender. In Taiwan wird an diesem Tag im Kreis der Familie gegrillt und dabei manchmal auch zwischendrin, mit einem Würstchen in der Hand, der Mond betrachtet (zum Mondfest werde ich in der nächsten Woche mehr schreiben). In den Tagen darauf folgen andere Kollegen dem Beispiel des ersten, vorsichtig treten sie an meinen Schreibtisch heran und schenken mir einen Ananaskuchen, einen Mondkuchen oder gar, worüber ich mich besonders freue, eine Bürotasse. Diese stammt, wie mir der Schenker erzählt, „aus dem letzten Wahlkampf“ und zeigt die derzeitige taiwanische Präsidentin als niedliche Comicfigur zusammen mit ihrer Katze, umgeben von lilafarbenen Blüten. Ich verschenke im Gegenzug aus Deutschland mitgebrachte (natürlich aus Österreich stammende) Mozartkugeln. Außerdem teile ich alle Fragen, die mir so einfallen, sei es zu Büromaterial, Kopien, oder Visitenkarten, zu Trinkwasser, der Kantine oder der Bibliothek, sorgsam zwischen meinen Kollegen auf. So habe ich einen Vorwand, hinter jede einzelne Trennwand zu treten und mit jedem meiner neuen Kollegen ins Gespräch zu kommen.

Ich werde nachdenklich. Wenn ich hier über meine schweigsamen Kollegen berichte, über wen schreibe ich denn dann eigentlich? Über Taiwaner an sich? Zwei meiner drei neuen MitbewohnerInnen sind schließlich genauso zurückhaltend. Vielleicht handelt die Geschichte aber auch eher von dem Verhalten männlicher Taiwaner in der Arbeitswelt, schließlich bin ich unter meinen direkten Kollegen die einzige Frau. Vielleicht hängt diese Erzählung aber auch wieder mit etwas ganz anderem zusammen. Als ich einem taiwanischen Freund von meinem ersten Arbeitstag erzähle, schüttelt er zunächst lachend den Kopf. Dann aber fällt ihm ein, was ich hier in Taiwan mache. „Ach so“, sagt er, als erkläre das alles, „das sind doch alles Historiker.“

Ich erzähle hier Geschichten aus meinem Alltag, so wie sie sich aus meiner Perspektive zugetragen haben. Sie handeln also von bestimmten Menschen und Situationen, alle Interpretationen möchte ich denjenigen überlassen, die diese Zeilen lesen mögen. Meine Kollegen stellen sich jedenfalls im Verlauf der nächsten Tage als sehr nett und hilfsbereit heraus, auch wenn sie zurückhaltend bleiben – aber das bin ich schließlich auch. Wahrscheinlich habe ich mich aus ihrer Sicht auch reichlich seltsam verhalten. Vielleicht brauchten sie aber auch nur ein wenig Zeit, um mein Gesicht mit dem Namensschild, das an meinem Abteil hängt, in Einklang zu bringen. Für den Verwaltungsalltag braucht jede(r) Fremde in Taiwan einen sinisierten Namen, der sich in Schriftzeichen schreiben lässt. Die chinesische Schrift gibt allerdings nur die Silben wieder, die in der chinesischen Sprache vorkommen. Das sind erstens nicht sehr viele und zweitens nicht unbedingt diejenigen, die in deutschen Namen vorkommen, besonders wenn mehrere Konsonanten im Spiel sind. Daher wählen viele Ausländer hier lieber gleich einen richtigen chinesischen Namen, der mal mehr, mal weniger Ähnlichkeit mit ihrem ursprünglichen Namen aufweist. Mein chinesischer Name, den mir eine taiwanische Gastfamilie vor nunmehr 16 Jahren gegeben hat, ist offenbar besonders typisch taiwanisch. Man merkt ihm nicht an, dass zu ihm eine holprig sprechende Fremde gehört. „Ich dachte, du wärst Taiwanerin!“ sagte mir ein Kollege fast vorwurfsvoll als er mich kennen lernt. Ich aber mag meinen Namen sehr gerne, weil er wie eine Koseform meines deutschen Namens klingt – und weil er mich, zumindest in freier Übersetzung, zur anmutigen Dichterin kürt.

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5 Gedanken zu “Büroleben

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