Episoden einer Reise

Abschied

„Da sinse aber GANZ schön unpünktlich!“ begrüßt mich der Taxifahrer, als ich, schweißgebadet, meine beiden aus den Nähten platzenden Koffer durch die Haustür auf die Straße zerre, in einer Mischung aus echter Empörung und jenem mürrischen Grundtonfall, der gerne euphemistisch als „Berliner Schnauze“ beschrieben wird. Offenbar habe ich doch länger für die fünf Stockwerke gebraucht als gedacht. Ich entschuldige mich so lange, bis er mir seufzend den Kofferraum des Wagens öffnet. „Die DAME ist jetzt da“ erzählt er dem Handy an seinem Ohr, und es schwingt allerlei Bedeutung mit, nur nicht die einer höflichen Anrede. „Ich habe schon bei Ihnen geklingelt und alles!“ wendet er sich nun wieder mir zu. Während wir die Koffer im Kofferraum verstauen, entschuldige ich mich abermals, nun auch noch für die Klingel, die meine Hausverwaltung seit Monaten nicht zu reparieren geschafft hat. Erst als ich hinten im Wagen sitze, angeschnallt bin und noch einmal das Fahrtziel Flughahfen Tegel bestätigt habe, krame ich mein Handy aus meiner Handtasche um nachzuschauen, wie lange ich den armen Mann habe warten lassen. 15 Uhr 23? Ich stutze. Ich bin doch schon mindestens seit zwei Minuten unten am Taxi und… Ob das Ganze ein Missverständnis ist? Ich spreche den Taxifahrer auf die Uhrzeit an. „Ja, genau“, sagt er, „und 15 Uhr ZWANZIG war bestellt. Sehense. Woher sollte ich denn wissen, ob Sie überhaupt noch kommen??“ Den Rest der Fahrt schweigen wir uns an, während Schlagerklänge in Konzertlautstärke aus den offenen Fenstern auf die Autobahn hinaus schallen.

Intermezzo

Um Geld zu sparen, bin ich nicht direkt nach Taiwan geflogen, sondern über Paris und über Guangzhou im Süden Chinas; in Guangzhou waren dabei 18 Stunden Aufenthalt vorgesehen. Die Fluglinie versprach jedoch ein kostenloses Hotel, so dass das Angebot trotz einer Reisedauer von 40 Stunden relativ komfortabel klang. Einziger Haken an der Sache: das Hotel befindet sich nicht am Flughafen, und so musste ich dafür nach China einreisen. Dafür gibt es zum Glück die Möglichkeit einer visumsfreien Einreise für Transitpassagiere, für einen Aufenthalt von bis zu 72 Stunden. Dazu musste ich lediglich eine Arrivalcard ausfüllen, am anderen Ende des Ankunftsbereichs die Boardkarte holen, dann an einem Stand in der Ecke das Antragsformular zur visumsfreien Einreise beantragen und ausfüllen, dieses dann woanders an einer Tür ohne Beschilderung abgeben, und dann im Wartebereich auf ein Bestätigungsformular und auf das abgestempelte Antragsformular warten, inmitten übernächtigter Reisender, denen nicht allen klar zu sein schien, worauf sie eigentlich warteten. Dann musste ich mich nur noch mit allen Unterlagen am Transitschalter anstellen. Dummerweise waren allerdings weder ich, noch die anderen Passagiere, noch die Angestellten der Airline oder des Flughafens über dieses Vorgehen informiert. Zunehmend erschöpft wurde ich daher von Warteschlange zu Warteschlange geschickt, nur um dann, endlich vorne angekommen, zu erfahren, dass es doch die falsche Schlange war, oder aber dass doch noch ein Formular fehlte – und um dann zur nächsten (falschen) Schlange geschickt zu werden. Gut drei Stunden dauerte es, bis ich, für nunmehr nicht mehr ganz 15 Stunden, nach China einreisen durfte – um dann quer durch den Flughafen laufen zu dürfen, auf der Suche nach dem „free accomodation“-Schalter der Fluglinie. Entgegen aller Erwartungen existierte das kostenlose Hotel dann jedoch nicht nur, sondern das mir zugeteilte Haus hatte sogar ein Schwimmbad und eine Sauna zu bieten, so dass ich mich gar nicht zu sehr beklagen mag. Die Einreise nach Taiwan am nächsten Tag, für etwas mehr als 12 Monate, dauerte dann übrigens, mit Koffer abholen, nicht ganz 30 Minuten.

Ankommen

Ich schlendere durch die Straßen Taipehs, sauge vertraute, aber lange vergessene Klänge und Gerüche in mich auf. Von einer Garküche zur nächsten zieht es mich, Reisnudeln mit Oktopus,  „Stinkender Tofu“, Kuchen mit roten Bohnen, auch meine Geschmacksknospen wecken Erinnerungen. Ich treffe alte Freunde und es ist, als sei ich kaum weggewesen. Nebenbei erledige ich dies und das, gehe zur Bank oder mal eben schnell zum Friseur, finde Stecker-Adapter im „Laden für Alles“ oder kaufe eine taiwanische SIM-Karte. Mit Internet natürlich, wobei es ja eh fast überall kostenloses W-Lan gibt. Habe ich gerade mal keine Lust mehr zu laufen, suche ich auf meinem Handy schnell die nächste Youbike-Station, im Zentrum meist keine 200 Meter entfernt, und leihe mit meiner Easycard-Chipkarte in Sekundenschnelle für ca.30 Cent ein Rad aus, das ich dann wieder an jeder beliebigen Station abgeben kann. Mit derselben Karte fahre ich U-bahn oder bezahle Getränke und frische Snacks in den rund-um-die-Uhr geöffneten Convenience Stores, die an jeder Ecke zu finden sind. Immer wieder kommt mir der Begriff in den Sinn, mit dem mir taiwanische Freunde in Deutschland sehnsuchtsvoll ihre Heimat beschreiben: Taiwan sei einfach so fangbian, so praktisch.

Abends sitze ich im Wohnzimmer des Hostels, über dem Lichtermeer der Stadt. In der Ferne leuchtet der 101, das ehemals höchste Gebäude der Welt und immer noch ein Wahrzeichen Taipehs. Nach einem ausgiebigen Abendessen mit Taiwan-Reisenden aus Japan erzählen wir uns aus unserem Leben. Da ist die Kenianerin, die in Japan ihre Doktorarbeit schreibt, weil es für Japan eben Stipendien gibt, die Syrerin, die in Japan nach langer Berufspraxis nun ihr Masterstudium macht, nun, weil es eben nicht Syrien ist. Da ist die junge Japanerin, die schon den ganzen Abend tränenüberströmt an ihrem Laptop sitzt, überwältigt vor Glück weil ihre Schwester in Japan einen Heiratsantrag bekommen hat. Und so schwanken unsere Gespräche zwischen kleinen Studiumssorgen und großen Lebensentwürfen, zwischen Hochzeitsideen und Kriegserlebnissen, zwischen großer Freude und tiefster Trauer, und mit jeder verstrichenen Stunde wird die Welt ein kleines bisschen kleiner.

 

Advertisements

12 Gedanken zu “Episoden einer Reise

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s